Einsames Haus

Der Patriarch und die Alleinerbin
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Es begab sich aber zu einer Zeit in einer fernen Zukunft, als die gesunden Arten des Zusammenlebens, -wirkens und –arbeitens schon lange erforscht und in der Bevölkerung des Staates zum Allgemeingut geworden waren. Die Regeln der Kommunikation gemäß Thomas Gordon's Familienkonferenz wurden zuhause und in den schulen gelehrt und angewandt, die Erkenntnisse von Bert Hellingers Familienaufstellungen über die gesunde Ordnung von Familien- und Liebesbeziehungen wurden schon lange in die Praxis umgesetzt, so dass es bereits seit Generationen fast nur noch beglückende Liebesbeziehungen und Familien gab, da diese Ordnungen in der Generationenfolge und deine Kommunikation untereinander, die von Achtung aller getragen und an der Lösung von Problemen zur Zufriedenheit aller orientiert war. Natürlich kann man auch unter idealen Bedingungen nicht immer glücklich sein, Probleme gibt es immer, aber es wurde stets darauf geachtet, dass alle zu ihrem Recht kamen und niemand ständig zurückstecken musste oder aufgrund irgendwelcher Begründungen immer zu seinem Recht kam. Es ging um Balance und Ausgewogenheit, um ein Miteinander- und Füreinanderleben, und es funktionierte. Es schien, als wenn der Himmel auf die Erde gekommen und die Menschen im wieder gefundenen Paradies leben würden.

Doch es gab eine kleine Enklave, in der die Menschen weitab von all den Erkenntnissen vieler Jahre und Jahrzehnte lebten. Es war eine kleine bäuerliche Kultur, in der die Menschen sich nicht so sehr anderen Menschen, sondern ihrem Grund und Boden verpflichtet fühlte, was ja sehr wichtig war, da es dieser Grund und Boden war, der sie ernährte und dem sie ihr Auskommen und ihren Reichtum verdankten. Deshalb war es so wichtig, dass dieser Grund und Boden in der Familie blieb, innerhalb der Blutsverwandten. Die ganze Familie diente dem Überleben und dem Leben, und beides war eins.

Wenn nun der Erbe, also derjenige der Geschwister, der Grund und Boden übernehmen sollte, eine Frau suchte, so fand er die geeignete in der Frau, die sich die Sorge um die Erhaltung von Grund und Boden zu ihrer eigenen machte, obwohl es ja nicht um ihr Eigentum sondern das des Mannes bzw. oft genug ja noch das von dessen Eltern ging, mit denen sie gemeinsam in einem Haus leben sollte. Ihr oblag außer der Pflege von Haus, Grund und Boden, letzteres gemeinsam mit ihrem Mann, die Produktion und Pflege von weiteren Erben sowie die Pflege der kranken Schwiegereltern, falls dies nötig sein sollte.

Die Blutsverwandten bildete eine Einheit, sie waren hier auf ihrem eigenen Grund und Boden zuhause, ihre Bedürfnisse galt es zu befriedigen, da sie ja die Garanten für den Fortbestand des Lebens und Überlebens, das beides eins war, waren. Die angeheiratete Frau hatte nur ein einziges Bedürfnis: der Familie zu dienen, damit das Überleben und Leben, das beides eins war, von allen gesichert war. Die Mädchen in jeder dieser Familien wurden von Geburt an darauf vorbereitet, dass es dereinst ihre Aufgabe sein würde, das Leben und Überleben aller zu sichern, indem sie dem Grund und Boden der fremden Familie, deren Besitzern und Erben dienen würde. Sie lernte, bescheiden zu sein und alle ihre sonstigen Bedürfnisse zu vergessen, damit sie ihrer wichtigen Aufgabe gerecht werden konnte.

Die überzähligen Jungen der Familie, die nicht auf die Übernahme von Grund und Boden vorbereitet werden sollten, zogen hinaus in die weite Welt, wo sie dann deren Regeln lernen und übernehmen mussten, wenn sie jemals in einer glücklichen Familie leben wollten. In ihrer Heimat hatten sie keine Chance auf eine Frau, da die Frauen ja nur darauf vorbereitet wurden, Grund und Boden zu dienen und gelernt hatten, dass Grund und Boden die einzige Chance zu leben und zu überleben, was beides eins war, sei und deshalb keinen Mann wählten, der das nicht vorweisen konnte. Welches Glück sie doch damit hatten, dass sie in die andere Welt, in die Welt des Miteinander und Füreinander ziehen mussten, wo sie dann Glück und Zufriedenheit lernten und nie wieder in ihre alte Heimat zurück kehrten, so dass dort auch nie jemand erfuhr, dass diese andere Welt überhaupt Welt gab.

Nun gab es aber auch Männer, die nicht erbten und Angst vor der weiten Welt hatten, aus der ja nie jemand wieder zurückkehrte, um zu erzählen, wie es ihm ergangen ist. Diese Männer hatten noch eine Chance, Grund und Boden zu erwerben: die Alleinerbin, das einzige Mädchen einer Familie, die keine Brüder hatte.

Wie sah nun das Leben dieser Alleinerbin aus?

Gehen wir der Einfachheit halber davon aus, dass sie wirklich Einzelkind ist und auch keine Schwestern hat, die ihr den Rang streitig machen könnten.


Die Alleinerbin

Das erste, was sie, das erst geborene Kind in den Augen ihres Vaters – ihrer Mutter auch(?) - erblickt ist die Enttäuschung darüber, dass es kein Junge, kein Erbe ist, aber man, die Familie, hat ja noch Hoffnung, dass in naher Zukunft noch ein Erbe, ein Junge, geboren wird. Also beginnt die Erziehung des Mädels wie oben besprochen: sie soll einmal eine gute Frau werden, die es sich zur eigenen Aufgabe macht, Grund und Boden einer fremden Familie zu pflegen, zu schützen und für diese Familie zu bewahren und dieser Familie den Erben zu schenken.

Die Jahre ziehen ins Land – kein Erbe wird geboren. Die Familie ist froh, überhaupt jemanden im Haus zu haben, der bzw. die in Zukunft dafür sorgen würde, dass Grund und Boden in der Blutsverwandtenlinie bleiben, obwohl es ja irgendwie keine richtige Blutsverwandtschaft mehr ist, wenn die Frau eines anderen dann quasi dem anderen Grund und Boden vermacht. Allen war es klar, dass kein Mann es sich je zur Aufgabe machen würde, Grund und Boden einer andere Familie in dem Maße zu dienen, wie es einer Frau ganz selbstverständlich ist. Jedem in der Familie mit der Alleinerbin war klar, dass durch eine Heirat das Erbe letzten Endes an die Familie des Gatten übergehen würde und dass dieser Gatte für einen Vertrag sorgen würde, der ihm garantiert, die Früchte seiner Arbeit, die er bei dieser fremden Familie erbringen würde, auch selber zu ernten, so dass die Geburt der Alleinerbin letzten Endes bedeutet, dass Grund und Boden nicht wirklich innerhalb der Blutsverwandten bleiben sondern an eine fremde Familie übergehen würde.

Schuld daran war natürlich die fremde Frau, die nicht fähig war, der Familie einen Sohn zu schenken, den Garanten, dass Grund und Boden in der Familie erhalten blieben.

Auf sehr vielfältige Weise erlebt nun die Alleinerbin ihre Wertlosigkeit für die Familie. Als erstes erlebt sie in den Blicken ihrer Eltern, dass sie jemand anders hätte werden sollen, als sie in Wirklichkeit ist. Sie erlebt, dass sei in ihrem ganzen Wesen niemals wert geschätzt wird für die und das, wie und wer sie ist. Sie ist einfach verkehrt. Es haftet ihr ein Makel an, den sie nie im Leben mehr ändern kann. Sie hat versagt, bevor sie überhaupt erst das erste Mal ihren Finger rühren konnte, um etwas zu tun. Alles, was sie tut, alles, was sie ist, kann niemals den ganz große Makel ändern, der auf ihr lastet und den sie mit in die Welt gebracht hat, den sie niemals und mit nichts mehr ausgleichen kann: sie wird eine Frau und hätte doch ein Mann werden sollen.

Zusätzlich erlebt sie die Frauen im Haus. Sowohl Mutter als auch Großmutter sind die Fremden, die gekommen sind, um der fremden Familie zu dienen. Ihre eigene Mutter ist eine Versagerin, da sie ihrem Mann keinen Erben gebären konnte. Sie kann von Glück reden, dass sie ihre übrigen Pflichten anstandslos erfüllt und nicht deshalb an die Luft gesetzt wird, weil sie ihren ehelichen Pflichten, den Erben zu gebären, nicht nachkommt.

Macht sie sich allerdings anderer Vergehen schuldig und vernachlässigt ihre Pflichten Grund und Boden und deren Erhaltung gegenüber, dann muss sie sehr wohl damit rechnen, dass sie jederzeit gehen kann. Trotz Ehe ist ihr Status in der Familie nicht gesichert, da die Bewahrung und Erhaltung von Grund und Boden, von der ja nun mal Leben und Überleben der Familie abhängt, gefährdet ist. Zum Glück werden die Mädels so gut darauf vorbereitet, dass dies ihr oberstes Ziel ist, so dass diese letzte Konsequenz fast nie eintritt, aber das Wissen darum ist im Herzen jeder Frau ganz tief eingegraben, und auch die Alleinerbin weiß um den unsicheren Status ihrer Mutter und Großmutter, die beide erst dann zu den Blutsverwandten mit Bleiberecht zählen, wenn deren Männer und Schwiegereltern tot sind. Vom eigenen Kind aus zählen sie ja zu den Blutsverwandten, vorausgesetzt, das Kind hat es nicht schon so verinnerlicht, dass sie es NICHT sind, dass sie auch dann dem erwachsenen Kind noch dienen müssen, um von diesem nicht an die Luft gesetzt zu werden.

Die Alleinerbin nun mit ihrer besonderen Rolle lernt, sich selbst zu hassen, dass sei ein Frau ist. Und sie lernt, die Frauen als solche zu hassen, die ihr diese Schmach angetan haben, und sie weiß ebenfalls, dass sie aus der Gemeinschaft der dienenden Frauen, die durch ihren Status alle zumindest seelisch miteinander verbunden sind, auf ewig ausgeschlossen sein wird, denn sie wird niemals die Dienende sein, aber sie wird auch niemals den Spieß einfach umdrehen können und den Mann als Diener einsetzen können, der nun ihrer Familie dient. SIE ist eine Frau und kann somit keine Familie begründen, die Familie, das ist der Mann, der Patriarch.


Der Patriarch

Der Patriarch ist der Sohn seines Vaters. Er erlebt, wie seine Mutter arbeitet, um das Leben und Überleben der Familie zu sichern, und beides ist eins: Leben und Überleben.

Er ist der kleine Prinz, der Erbe, der Eigentümer in spe von Grund und Boden. Er wächst auf in einem ganz selbstverständlichen Stolz darauf, ein Mann zu werden und in die Fußstapfen seines Vaters zu treten.

Der Patriarch lernt von klein auf, dass seine Bedürfnisse wichtig sind und dass es wichtig ist, die Bedürfnisse des Familienoberhauptes, des Mannes, zu erfüllen, da dieser mit seiner Arbeit für das Leben und Überleben der Familie zuständig ist. In der Hierarchie innerhalb der Familie steht der Erbe gleich an zweiter Stelle hinter dem Patriarchen, dem Eigentümer des lebens- und überlebenswichtigen Grund und Bodens.

Er erlebt seine Mutter als bescheidene und fleißige Frau ohne eigene Ansprüche, die glücklich ist, wenn der Vater, der Patriarch ihr etwas Gutes tut, dass sie etwas von sich aus verlangt oder erbittet, das erlebt er eigentlich nie. Und auch er erlebt, dass eine gute Frau der fremden Familie dient und dieses Dienen zu ihrem eigenen Anliegen macht, so dass sie weiter gar keine Bedürfnisse hat.

Nun wächst er also heran, erlebt seine gesicherte Position, weiß, wohin er gehört, wo sein Platz ist, wo er zuhause ist und immer zuhause sein wird: hier in seinem Elternhaus, das ihm irgendwann gehören wird und in dem er sich für immer und ewig zuhause fühlen kann.

Er hat seinen Platz gefunden, ohne je danach suchen zu müssen, und diese Sicherheit strahlt er auch aus: ich bin ich – und es ist wunderbar und völlig in Ordnung.


Der Patriarch und die Alleinerbin

Nun passiert also das Nichtvorhergesehene: der Patriarch (in spe) bekommt nur eine Tochter. Je mehr ihm bewusst wird, dass sie sein einziges Kind sein und bleiben wird – aus welchen Gründen auch immer – umso mehr schämt er sich für seine Enttäuschung, ist sie, die Alleinerbin, doch immer noch besser als gar nichts, zumindest sie ist noch da, um das Aussterben der Blutslinie noch zu verhindern, selbst wenn Grund und Boden an die Familie ihres Mannes fallen, das Blut stirbt nicht komplett aus. Er lebt durch sie weiter statt durch den Sohn.

Er bereut seine Enttäuschung und versucht, sie irgendwie wieder gutzumachen, und er tut alles, um sein Prinzesschen glücklich zu machen, verwöhnt sie so, wie er den Prinzen verwöhnt hätte, und ist letzten Endes doch damit überfordert, was er nun dem Prinzesschen beibringen soll, was sie braucht, wenn sie weder der Prinz noch die Frau eines Fremden ist, denn der Fremde, also einer, der nicht erbt, kommt ja nun durch Heirat in eine Familie, in der der Patriarch ja vermutlich noch leben wird, wenn die Tochter heiratet. Es wird also jemand sein, dem Grund und Boden in den Schoß fällt, und da sollte die Alleinerbin nun doch einen gewissen Stolz entwickeln, dass sie dies nicht einem Taugenichts hinterher wirft. Für ihn, den Patriarchen wird es auch merkwürdig sein, einen fremden Mann im Haus zu haben, der ihm ja eigentlich ebenbürtig wäre, statt einer weiteren Dienerin.

Während Gefühlsduselei für die Fremde, die einen Erben heiratet, wichtig ist, damit sie ihn überhaupt heiratet und dabei ihren Verstand ausschaltet, ist es für die Alleinerbin lebens- und überlebenswichtig, gerade ihren Verstand zu gebrauchen, um den auszuwählen, der für eine Heirat in Betracht kommt, also jemand, der verantwortlich mit dem lebens- und überlebenswichtigen Grund und Boden umgeht, damit die Nachfahren des Patriarchen auch in Zukunft ihr Auskommen haben werden.

Also wird der Patriarch zu seiner Tochter, der Alleinerbin mit ganz besonderer Aufgabe, eine ganz besonders enge Beziehung haben, um sie auf ihre verantwortungsvolle Aufgabe vorzubereiten, den Mann zu finden, dem man nach rein rationalen Gesichtspunkten Grund und Boden anvertrauen kann. Aber vermutlich wird niemand ihm und seinen Ansprüchen genügen, niemand wird gut genug sein, da der neue Mann im Haus ihn ja allzu deutlich den Verlust von Grund und Boden an die andere Familie spüren lässt und er die Anwesenheit des Patriarchen in spe, der hin ablösen soll, nicht ertragen kann. Man kann eine Mann nicht wie einen Diener behandeln – als Mann …

Für den Fall, dass die Eltern des Vaters noch leben und der Vater noch der Erbprinz ist, wird dieses Verlangen vielleicht nicht ganz so extrem ausgeprägt sein, da er ja eher selber noch das Erbe antreten will, bevor er sich an das Weitervererben macht. Für den Fall, dass der Vater bereits geerbt hat und selber der Patriarch ist, dürfte diese Problem wesentlich dringender und näher sein, so dass hier die Beziehung zwischen Patriarch und Alleinerbin ganz besonders eng sein dürften und möglicherweise dazu führen könnte, die Fremde, also die Mutter der Prinzessin ganz aus dem Beziehungsgefüge zu drängen, da für sei kein Platz mehr ist und sie mit ihrer für die Verheiratung notwendigen Gefühlsduselei möglicherweise einen schlechten Einfluss auf die Tochter ausüben könnte, die ja eine rationale und wertende Einstellung zum Leben und insbesondere zu ihrem potentiellen Ehemann haben sollte, sich also nicht blindlings verlieben, um sich dem Mann bzw. der Grund-und-Boden-Besitzer-Familie auszuliefern. Genau das Gegenteil wird ja von der Alleinerbin verlangt: rationales Abwägen. Da stört die Mutter als Vorbild, da sie ja das Gegenteil lebt und und durch ihr Leben vermittelt. Also weg damit!

Wesentlich geeigneter als Vorbild, an dem die Alleinerbin sich orientieren könnte, wäre da natürlich eine Frau aus der anderen Welt, der Miteinander-Füreinander-Welt, die der Patriarch ja gar nicht kennt. Welch ein Glück er doch hat, wenn eine Frau aus dieser anderen Welt sich in diese Enklave verirrt. Diese Frau ist es, die dem Kind das vermitteln kann, was es braucht und was es bei den anderen Frauen ja gar nicht finden kann, da sie ja das Gegenteil dessen leben und lernen müssen von dem der Alleinerbin.

Also kommt diese Frau wie gerufen: der Patriarch fängt sie ein mit all seiner Güte und vermittelt ihr auf sanfte Art und Weise, dass sie ihren eigenen Willen bitte an der Haustür abzugeben habe und hier nur er und die Prinzessin das Sagen haben. Während er ihren Verstand und ihre Eigenständigkeit bewundert und diese Fähigkeiten als erstrebenswert für seine Tochter ansieht, achtet er aber doch peinlich genau darauf, dass sie nicht über IHN verfügt und IHM und der Prinzessin gegenüber keine Ansprüche geltend macht. Da er ihr sehr dankbar ist, behandelt er sie sehr großzügig, so dass sie erstmal gar nicht so recht merkt, dass sie eigentlich nie gefragt wird.

Während sie aus der Miteinander-Füreinander-Welt kommt, in der den Wünschen und Bedürfnissen aller Rechnung getragen wird, lebt er in der Grund-und-Boden-Welt, in der die Bedürfnisse nach Rangfolge befriedigt werden: an erster Stelle steht der Patriarch, direkt dahinter der Erbe bzw. die Erbin, dann die anderen Männer, danach die mit der Familie des Mannes blutsverwandten Frauen, und zuletzt auf einsamem Posten steht dann die angeheiratete Frau, wobei die Schwiegermutter immer noch mehr zur Blutsverwandtschaft gehört und damit über der Ehefrau des Sohnes steht.

Nun entsteht also die paradoxe Situation, dass die Alleinerbin von der eigenständigen Frau aus der anderen Miteinander-Füreinander-Welt Eigenständigkeit lernen soll, während dieser gleichzeitig die Eigenständigkeit so nach und nach entzogen wird, da sich Eigenständigkeit gegenüber den ranghöheren Personen nicht geziemt. Wie aber soll das Kind, die Alleinerbin, Eigenständigkeit von einer Frau lernen, die sie gar nicht leben darf und kann, die im Gegenteil sogar noch erlebt, dass genau das, was sie lernen soll, dieser Frau, die es ihr vermitteln soll, gar nicht zugestanden wird?

Im Gegenteil! Da diese Frau aus einer Welt der gelebten Partnerschaft und nicht Dienerschaft stammt, macht sie ihr noch den Vater, den Patriarchen streitig, der sein Leben bis dato ausschließlich ihr und ihrem Seelenheil gewidmet hat. Nun kommt diese Frau daher und will ihre Zeit mit ihrem Partner verbringen anstatt ihm und dem Erben zu dienen, wie es ja auch die Alleinerbin gelernt hat, dass dies die Aufgabe der Frau in einer fremden Familie ist.

Also beginnt der Krieg um den Patriarchen zwischen den beiden Frauen, die gemäß ihrer Welt jeweils das Vorrecht gegenüber der anderen an diesem Menschen haben. In der Grund-und-Boden-Welt haben Patriarch und Erbe das allerengste Verhältnis, da sie die ranghöchsten Personen in der Familie sind. In der Miteinander-Füreinander-Welt draußen bilden Mann und Frau, Vater und Mutter, also die beiden Personen des Paares den Mittelpunkt oder Kern der Familie, die von allen Familienmitgliedern geachtet werden. Die beiden Personen des Paares teilen ihre Vertrautheit und Intimität miteinander, sie werden als Einheit angesehen, die aus zwei trotzdem eigenständigen Personen besteht. Diese Verbindung gibt sich einen geschützten Rahmen, in den auch die Kinder keinen Zutritt haben und die Eltern des Paares noch weniger. Das Paar als solches wird als Paar respektiert und geachtet, alle Interaktionen innerhalb der Familie werden von Würde, Achtung, Liebe und Wertschätzung der jeweiligen Person getragen, alle sind gleich wichtig, eine Rangfolge gibt es nicht, jeder darf seine Wünsche und Bedürfnisse äußern, Gefühle werden angemessen zum Ausdruck gebracht, und alles zusammen dient dazu, Lösungen zu finden, mit denen alle gut leben können. Niemand hat automatisch Vorrang vor irgend einem anderen, alle Familienmitglieder sind Teil der Familie, gehören dazu und leben in einem gemeinsamen Zuhause, das jedes Familienmitglied auf die Weise, die ihm möglich ist, mitgestalten kann, so dass sich auch alle wirklich zuhause fühlen können. Miteinander und füreinander eben.

Je länger nun diese Frau aus der Miteinander-Füreinander-Welt bei dem Patriarchen und der Alleinerbin lebt, umso erstaunter stellt sie fest, dass die anfängliche Güte überhaupt keine Ähnlichkeit mehr mit dem aufweist, was sie an Miteinander-und-Füreinander-Leben aus ihrer Welt kennt und wertschätzt. Es tut ihr nicht mehr gut, und so entscheidet sie sich zu gehen.

Der Patriarch versteht die Welt nicht mehr! Hat sie nicht alles, was sie will, und noch viel mehr? In seinen Augen und denen seiner Welt ist er ein begehrter Mann und sehr geachtet, weil er seine Frau nicht misshandelt, nicht verprügelt sondern ihr alles das bietet, was sie alleine vermutlich niemals erreichen und bezahlen könnte. Dass sein Kind, die Alleinerbin, Vorrang vor ihr hat, das ist doch so selbstverständlich, dass er noch nicht einmal versteht, wieso zwischen diesen beiden Damen der Krieg ausgebrochen ist. Seine Welt ist total geregelt und nach den Kriterien der Grund-und-Boden-Welt vollkommen in Ordnung.

Nach den Kriterien der Miteinander-Füreinander-Welt ist natürlich gar nichts in Ordnung. In dieer Welt gibt es keine Erben, da bekommt jeder das, wofür er oder sie selber gearbeitet hat. Wenn die Kinder erwachsen sind, gehen sie hinaus in ihr eigenes Leben, gründen eigene Familien und bleiben ihrer Mutter und ihrem Vater in Liebe und Achtung verbunden. Kranke und pflegebedürftige alte Menschen gibt es so gut wie keine mehr, da man in dieser Welt nicht nur liebende und achtsame Beziehungen zu anderen Menschen sondern auch zu seinem eigenen Körper pflegt, so dass Krankheiten fast vollständig ausgestorben sind. Eltern, Kinder und Enkel pflegen liebevolle Kontakte miteinander, ohne sich in das Leben der anderen Generation einzumischen. Niemand muss sich mit einem Teil der Familie gegen den anderen der einzelne Personen verbünden, da alle Entscheidungen zum Wohle aller getroffen werden. Falls dies nicht möglich ist, tritt jeder reihum von den eigenen Wünschen zugunsten der der anderen zurück, so dass insgesamt gesehen alle zu ihrem Recht kommen.

Dass es nun eine Rangfolge derer gibt, die immer und auf jeden Fall zu ihrem Recht kommen, während die rangniedrigste Person, die angeheiratete Frau, froh sein darf, wenn man nett zu ihr ist, sie an Unternehmungen beteiligt etc. und sie nicht körperlich misshandelt wird, war denn dieser Frau aus der Miteinander-Füreinander-Welt absolut fremd und nicht bekömmlich, also ging sie wieder heim in ihre Miteinander-Füreinander-Welt, wo sie ihren Platz bei ihren Lieben hatte.

Als der Patriarch alt wurde und starb, war die Alleinerbin sehr, sehr einsam. Denn mit ihrem ausgefallenen Status als Alleinerbin hatte sie weder Anschluss an die eigene Welt, in der Frauen als Erben eigentlich nicht vorgesehen sind, noch an die Welt der fremden Frau aus der Miteinander-Füreinander-Welt, die eine kurze Zeit das Leben mit ihr teilte. Und so starb sie sehr, sehr einsam in dem riesigen, leeren Haus, das sie geerbt hatte. Mutterseelenallein.

Sie wollte nie einen der Männer heiraten, die um sie geworben hatten, denn sie spürte genau, dass sie niemals vorgehabt hatten, sie so zu hofieren, wie der Vater das mit seinem Prinzesschen, der Alleinerbin, getan hatte, sondern sie nur Mittel zum Zweck sein sollte, um an eigenen Grund und Boden zu gelangen. So zog sie also das schöne Leben an der Seite des Patriarchen, ihres Vaters, zeitlebens dem Leben an der Seite eines anderen Mannes vor. Es war einfach zu schön, als dass sie es jemals hätte aufgeben können.

Nun wurde also ihre verstoßene Mutter die wahre Erbin. Sie zog hier ein mitsamt ihrem neuen Mann und den weiteren gemeinsamen Kindern, die das Leben in der Miteinander-Füreinander-Welt gelernt hatten und sich ein anderes Leben gar nicht vorstellen konnten. Seit dieser Zeit gab es in der kleinen Enklave nie wieder eine Frau, die sich dem Patriarchen unterordnete. Nun zog auch hier endlich die Miteinander-Füreinander-Welt ein, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie auch heute noch glücklich und zufrieden alle miteinander.

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Hier nun die angesprochenen Bücher von Thomas Gordon und Bert Hellinger:







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