Das Märchen von der kleinen nackten Wahrheit
~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~.~

Es war einmal eine kleine Wahrheit, und die war nackt. Sie fühlte sich so hässlich und versuchte, ihre Blöße zu bedecken. Da kamen die Menschen und hatten Mitleid mit ihr, und sie schenkten der kleinen Wahrheit ein schönes Kleid, auf dass sie schöner aussähe.

Die kleine Wahrheit fühlte sich immer noch hässlich, und so bekam sie nach und nach hübsche Strümpfchen und Schuhe, ein Mützchen und ein feines Mäntelchen. Sie gefiel sich besser und besser, und erst, als gar nichts mehr von ihr zu sehen war, da gefiel sie sich endlich.

Nun war aber von der kleinen nackten Wahrheit unter all den Kleidchen und Schürzchen und Schühchen und Strümpfchen und dem feinen Mäntelchen rein gar nichts mehr zu sehen, und so wurde die Lüge geboren, die Lüge, die viel schöner war als die kleine nackte Wahrheit und die auch den Menschen viel besser gefiel als die kleine nackte Wahrheit, die sie so hässlich fanden – und irgendwie auch peinlich, wie sie so nackt da stand in all ihrer Reinheit und Unschuld und Verletzbarkeit.

Nun waren sie alle zufrieden: die kleine Wahrheit, weil sie unter all den angezogenen Menschen nimmer nackt war, und die Menschen, weil sie die Wahrheit so schln gekleidet hatten.

Doch dann kam die Liebe, blickte mit den Augen der Liebe umher und suchte die kleine Wahrheit unter all den Menschen. Doch zunächst fand sie sie nicht, weil sie sich so schön gekleidet hatte in schöne Gewänder und ein feines Mäntelchen, das alles zudeckte, was jemals die kleine nackte Wahrheit gewesen war.

Doch dann erkannte sie die kleine Wahrheit doch wieder und blicke sie liebevoll an. In diesem liebenden, liebevollen Blick fühlte die kleine Wahrheit sich auf einmal gar nimmer hässlich sondern wunderschön und geliebt und angenommen. Die schönen Kleider und das feine Mäntelchen waren ihr auf einmal peinlich, und so zog sie alles ganz schnell wieder aus und stand nun da in all ihrer Nacktheit vor der Liebe, die sie liebevoll, liebend und wohlwollend anblickte, dass es der kleinen Wahrheit ganz warm ums Herz wurde und sie beschloss, dass sie nie wieder fremde Kleider tragen wollte.

Die Menschen aber, die nicht die Liebe waren, fanden die kleine nackte Wahrheit aber immer noch potthässlich und super peinlich in ihrer Nacktheit, so dass sie gleich das Mäntelchen wenigstens wieder über sie werfen wollten. Im Anblick der Liebe aber konnte die kleine Wahrheit das feine Mäntelchen einfach nicht ertragen, und so warf sie es gleich wieder fort.

Die Menschen, die nicht die Liebe waren, waren entsetzt, und seit diesem Tage hassen sie die Liebe und die Wahrheit, die seit diesem Tage glücklich vereint und immer nur noch Hand in Hand anzutreffen sind. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie auch heute noch, und wenn Ihr die Augen aufmacht, dann könnt Ihr sie sehen, die kleine Wahrheit in aller ihrer zarten Nacktheit und die Liebe, die immer bei ihr ist, sie beschützt und behütet, damit der Hass der Menschen, die nicht die Liebe sind, ihr nichts anhaben können.